Was der Sextant misst — und was nicht
Du misst mit dem Sextanten den Winkel zwischen der Kimm und dem Gestirn. Diese Ablesung heisst Sextantenhöhe (Hs). Sie ist nicht der Winkel, mit dem gerechnet wird.
Denn dein Auge steht nicht auf Meereshöhe, die Kimm liegt nicht genau in der Horizontalen, die Atmosphäre knickt den Lichtstrahl, und die Sonne ist keine Punktlichtquelle. Vier Abweichungen also, bevor der Wert taugt. Erst nach ihrer Korrektur hast du die beobachtete Höhe (Ho) — den Winkel, den ein Beobachter im Erdmittelpunkt ohne Atmosphäre gesehen hätte.
Zwischen Hs und Ho liegen an einem normalen Sommertag schnell 20 Bogenminuten. Das sind 20 Seemeilen Fehler in der Standlinie.
Die vier Korrekturen
Indexberichtigung (IB). Kein Sextant ist perfekt justiert. Die Abweichung ermittelst du am Horizont oder an einem Stern und trägst sie mit Vorzeichen ein. Sie gehört dir und deinem Instrument, nicht dem Almanach.
Kimmtiefe. Von 2 Metern Augenhöhe siehst du die Kimm nicht waagerecht, sondern leicht nach unten — auf einer Yacht rund 2,5 Bogenminuten. Sie wird immer abgezogen und hängt allein von deiner Augenhöhe ab.
Refraktion. Die Atmosphäre hebt ein Gestirn scheinbar an. Am Horizont beträgt der Effekt über 30 Bogenminuten, im Zenit ist er null. Deshalb sind tiefe Höhen unter etwa 15° unzuverlässig: dort ändert sich die Refraktion stark mit Temperatur und Luftdruck.
Halbmesser und Parallaxe. Die Sonne ist eine Scheibe von rund 32 Bogenminuten Durchmesser. Du misst nicht ihre Mitte, sondern einen Rand — und rechnest den halben Durchmesser hinzu oder ab. Dazu kommt bei der Sonne eine kleine Parallaxe von unter 0,2 Bogenminuten.
Unterer oder oberer Sonnenrand
Bei Tage bringt man üblicherweise den unteren Sonnenrand auf die Kimm: die Scheibe sitzt dann sauber auf der Horizontlinie, der Kontakt ist gut zu sehen. Der Halbmesser wird dabei addiert.
Der obere Rand ist die Ausweichvariante — bei tiefstehender Sonne im Dunst, wenn der untere Rand in der Kimm verschwimmt. Dann wird der Halbmesser abgezogen.
Der Unterschied zwischen beiden ist voller Sonnendurchmesser, rund 32 Bogenminuten. Wer hier den falschen Rand einträgt, verschiebt seine Standlinie um 32 Seemeilen. Es ist der häufigste Fehler in der ganzen Rechnung — und der teuerste.
Was der Rechner in NauticCalc übernimmt
Der astronomische Höhenwinkel nimmt deine Ablesung in Grad, Minuten und Sekunden, dazu die Korrektur aus dem Nautischen Almanach und die Angabe, welchen Rand du angeschnitten hast. Heraus kommt der korrigierte Höhenwinkel.
Damit ist die Arithmetik erledigt — der Teil, bei dem sich am Kartentisch bei Seegang die Vorzeichen verdrehen. Die Korrekturwerte selbst kommen weiterhin aus deinem Almanach: er kennt Datum, Uhrzeit und Gestirn, die App nicht.
Und danach? Aus dem korrigierten Winkel wird die Standlinie — mit Rechenhöhe, Azimut und Tafelwerk oder Formel. Das macht NauticCalc nicht. Wer die volle Besteckrechnung sucht, braucht Tafeln, eine Astro-Software oder Papier und Geduld.
Die Mittagsbreite als Ausnahme
Ein Fall kommt ohne all das aus. Steht die Sonne genau im Süden — der Kulminationspunkt, der wahre Mittag —, gilt schlicht:
Breite = 90° − korrigierte Höhe + Deklination
Mehr braucht es nicht. Du misst über einige Minuten hinweg, bis die Höhe nicht weiter steigt, nimmst den höchsten Wert, korrigierst ihn, holst die Deklination aus dem Almanach — und hast deine Breite. Ohne Uhr, ohne Tafeln, ohne Azimut.
Genau dafür ist dieser Rechner gedacht. Die Mittagsbreite ist der eine Griff der Astronavigation, der sich an Bord in fünf Minuten üben lässt.
Typische Fehler
- Falschen Sonnenrand gewählt — 32 Bogenminuten daneben, die auffälligste Verschiebung überhaupt.
- Kimmtiefe addiert statt abgezogen — sie geht immer ab.
- Augenhöhe geschätzt statt gemessen — ein Meter Unterschied macht knapp eine Bogenminute.
- Höhen unter 15° verwendet — die Refraktion ist dort kaum verlässlich.
- Indexberichtigung vergessen — sie bleibt konstant, bis der Sextant einen Stoss abbekommt. Genau deshalb wird sie übersehen.
Warum das an Bord bleibt
Ein Sextant braucht keinen Strom, kein Netz und kein Satellitensignal. Er ist der letzte Rückfallweg, wenn alles andere still ist — und das Verfahren dahinter ist über zweihundert Jahre alt und ändert sich nicht.
Das steht nicht gegen GPS. Aber wer die Handgriffe einmal kann, versteht besser, was sein Plotter eigentlich tut. Und an einem ruhigen Nachmittag auf See ist eine selbst gerechnete Mittagsbreite schlicht ein Vergnügen.
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