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Scheinbarer Wind: wahrer Wind, Fahrtwind und das Winddreieck

NauticCalc auf dem iPhone — passend zum Thema dieses Artikels.

NauticCalc App-Screenshot

Wahrer Wind und scheinbarer Wind — der Unterschied

An Bord fühlst du fast nie den wahren Wind. Was am Verklicker und an deiner Haut ankommt, ist der scheinbare Wind — die Kombination aus dem tatsächlich wehenden Wind und dem Fahrtwind, den dein Boot durch die eigene Bewegung erzeugt.

  • Wahrer Wind (TW): Richtung und Stärke, wie sie ein feststehender Beobachter messen würde — zum Beispiel an Land oder vor Anker.
  • Fahrtwind: der scheinbare Windanteil, der allein aus der Bootsgeschwindigkeit entsteht. Er weht immer genau von vorn, entgegen der Fahrtrichtung.
  • Scheinbarer Wind (AW): was das Boot in Fahrt „sieht“ — die vektorielle Summe aus wahrem Wind und Fahrtwind.

Das Winddreieck

Wahrer Wind, Fahrtwind und scheinbarer Wind bilden ein Vektordreieck. Zwei Seiten kennst du meist, die dritte ergibt sich:

  1. Wahrer Wind als Vektor (Richtung + Stärke)
  2. Fahrtwind als Vektor (von vorn, Länge = Bootsgeschwindigkeit durchs Wasser)
  3. Scheinbarer Wind = die Resultierende der beiden

Weil sich der Fahrtwind zum wahren Wind addiert, gilt am Wind praktisch immer:

  • Der scheinbare Wind ist stärker als der wahre Wind.
  • Der scheinbare Wind kommt weiter von vorn (kleinerer Winkel zum Bug) als der wahre.

Auf Raumschots- und Vorwindkursen dreht sich das um: Der Fahrtwind zieht den scheinbaren Wind nach vorn und schwächt ihn ab — deshalb wirkt es vor dem Wind oft trügerisch ruhig, obwohl der wahre Wind kräftig weht.

Warum das an Bord zählt

  • Segeltrimm: Getrimmt wird nach dem scheinbaren Wind — Verklicker, Windfäden und Windmesser zeigen ihn an. Wer nach Gefühl für den wahren Wind trimmt, liegt daneben.
  • Kursstrategie: Beim Anluven nimmt der scheinbare Wind zu und wandert nach vorn, beim Abfallen ab. Das erklärt, warum eine Bö beim Anluven besonders heftig „reinhaut“.
  • Reffentscheidung: Vor dem Wind unterschätzt man die wahre Windstärke leicht, weil der scheinbare Wind so harmlos wirkt. Beim Aufkreuzen kann dieselbe Windlage plötzlich deutlich mehr Druck bedeuten.
  • Elektronik: Das Windinstrument am Masttop misst den scheinbaren Wind. Den wahren Wind rechnet die Elektronik erst aus scheinbarem Wind, Kurs und Bootsgeschwindigkeit zurück.

Wahren Wind zurückrechnen

Für Planung und Wetterlogik brauchst du oft den wahren Wind — Wetterberichte und GRIB-Daten sprechen immer von wahrem Wind. Aus dem gemessenen scheinbaren Wind bekommst du ihn zurück, wenn du Bootsgeschwindigkeit und Kurs kennst: Du ziehst den Fahrtwind-Vektor vom scheinbaren Wind ab und erhältst wieder Richtung und Stärke des wahren Windes.

Genau diese Vektorrechnung — in beide Richtungen — nimmt dir NauticCalc ab: scheinbaren Wind aus wahrem Wind, Bootsgeschwindigkeit und Kurs berechnen, oder umgekehrt den wahren Wind aus der Messung ableiten. Details unter Scheinbaren Wind berechnen. Wie beim übrigen Rechnen an Bord funktioniert das ohne Netz — siehe Offline-Navigation.

Bezug zur Kurskette

Scheinbarer Wind, Kurs und Fahrt hängen zusammen: Ändert sich der Kurs, ändert sich auch der scheinbare Wind. Wer sauber navigiert, trennt die Windbeschickung von der Kurskette rwK, mwK, MgK und der Kursbeschickung, in der Wind- und Stromversatz in den Steuerkurs einfliessen.

Typische Fehler

  • Trimm nach wahrem Wind statt nach scheinbarem — die Segel stehen nie optimal.
  • Windstärke vor dem Wind unterschätzt, weil nur der abgeschwächte scheinbare Wind gefühlt wird.
  • Bootsgeschwindigkeit vergessen beim Zurückrechnen des wahren Windes.
  • Über Grund statt durchs Wasser gerechnet — für den Fahrtwind zählt die Fahrt durchs Wasser, nicht über Grund.

Fazit

Scheinbarer Wind ist kein Prüfungsdetail, sondern das, womit du an Bord tatsächlich segelst. Wer wahren und scheinbaren Wind sauber auseinanderhält, trimmt besser, schätzt Böen richtiger ein und trifft frühere Reffentscheidungen. Die Vektorrechnung dahinter musst du nicht im Kopf machen.

Weiterlesen: Scheinbaren Wind berechnen · Kursbeschickung · Offline auf See